Vitamin B9 (Folat) – Struktur, Funktionen und klinische Bedeutung

Einleitung

Vitamin B9, auch Folat (in natürlicher Form) bzw. Folsäure (synthetische Form) genannt, ist ein wasserlösliches Vitamin des B-Komplexes. Es spielt eine Schlüsselrolle im Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel und ist somit essenziell für DNA-Synthese, Zellteilung und Aminosäurestoffwechsel.

Der menschliche Organismus kann Folat nicht selbst synthetisieren, weshalb eine kontinuierliche Aufnahme über die Nahrung erforderlich ist.


Chemische Eigenschaften

  • Strukturell besteht Folat aus einem Pteridinring, para-Aminobenzoesäure (PABA) und einer variablen Anzahl von Glutamatresten.

  • Die synthetische Folsäure ist stabiler als natürliches Folat und weist eine höhere Bioverfügbarkeit auf.

  • Biologisch aktive Form: Tetrahydrofolat (THF) und dessen Derivate, die als Cofaktoren für C1-Übertragungen fungieren.


Vorkommen

Folatreiche Lebensmittel sind u. a.:

  • Grünes Blattgemüse (Spinat, Brokkoli, Grünkohl)

  • Hülsenfrüchte

  • Vollkornprodukte

  • Zitrusfrüchte

  • Leber

Folat ist empfindlich gegenüber Hitze, Licht und Sauerstoff – Kochverluste können bis zu 50 % betragen.


Physiologische Funktionen

Folat ist Cofaktor für Enzyme, die einzelne Kohlenstoffgruppen (C1-Einheiten) übertragen. Zentrale Funktionen:

  • Nukleotidsynthese: Bildung von Purinen und Thymidylat → essenziell für DNA- und RNA-Synthese.

  • Aminosäurestoffwechsel:

    • Remethylierung von Homocystein zu Methionin (in Kooperation mit Vitamin B12).

    • Interkonversion von Serin und Glycin.

  • Zellteilung und Wachstum: Besonders wichtig in Phasen hoher Zellproliferation (z. B. Schwangerschaft, Kindheit).


Bedarf

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt:

  • Erwachsene: 300 µg Folat-Äquivalente/Tag

  • Schwangere: 550 µg/Tag

  • Stillende: 450 µg/Tag

Folat-Äquivalente berücksichtigen die höhere Bioverfügbarkeit synthetischer Folsäure.


Mangelerscheinungen

Ein Folatmangel kann durch unzureichende Zufuhr, erhöhten Bedarf, Alkoholismus oder Medikamente (z. B. Methotrexat, Antikonvulsiva) entstehen. Symptome:

  • Hämatologisch: Megaloblastäre Anämie (ähnlich wie bei Vitamin-B12-Mangel).

  • Gastrointestinal: Schleimhautveränderungen, Durchfall.

  • Neurologisch/Entwicklungsstörungen: Bei Schwangeren erhöht ein Mangel das Risiko für Neuralrohrdefekte (z. B. Spina bifida) beim Fötus.


Überdosierung

Eine zu hohe Folsäurezufuhr aus Supplementen (> 1 mg/Tag) kann einen bestehenden Vitamin-B12-Mangel maskieren, da die hämatologischen Symptome gebessert werden, während neurologische Schäden fortschreiten.


Klinische Relevanz

  • Prävention: Allen Frauen mit Kinderwunsch wird empfohlen, mindestens 400 µg Folsäure/Tag zusätzlich zu einer folatreichen Ernährung einzunehmen – beginnend vor der Schwangerschaft.

  • Therapie: Folsäuresupplemente werden bei Mangelzuständen, bestimmten Anämien und unter immunsuppressiver Therapie (z. B. Methotrexat) eingesetzt.

  • Öffentliche Gesundheit: Viele Länder reichern Mehlprodukte mit Folsäure an, um Neuralrohrdefekte zu reduzieren.


Schlussfolgerung

Vitamin B9 ist ein essenzieller Cofaktor im Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel und damit unverzichtbar für DNA-Synthese, Zellteilung und Entwicklung. Besonders in der Schwangerschaft spielt eine ausreichende Versorgung eine entscheidende Rolle. Ein Mangel kann schwerwiegende hämatologische und neurologische Folgen haben, weshalb eine bedarfsgerechte Zufuhr – ggf. durch Supplementierung – von großer Bedeutung ist.