Vitamin A – Struktur, Funktionen und klinische Bedeutung
Einleitung
Vitamin A ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe fettlöslicher Verbindungen mit Retinoidstruktur. Hierzu gehören Retinol, Retinal und Retinsäure sowie verschiedene Ester. Vitamin A ist essenziell für Sehvorgang, Zellwachstum, Differenzierung, Reproduktion und Immunsystem.
Der menschliche Organismus kann Vitamin A nicht selbst herstellen, wohl aber aus Carotinoiden (v. a. β-Carotin) aus pflanzlichen Lebensmitteln synthetisieren.
Chemische Eigenschaften
-
Grundstruktur: C20-Isoprenoid mit einer β-Ionon-Ringstruktur.
-
Speicherform: Retinylester (v. a. Retinylpalmitat) in der Leber.
-
Biologisch aktive Formen:
-
Retinal: Bestandteil des Sehpigments Rhodopsin.
-
Retinol: Transportform im Blut, gebunden an Retinol-Bindeprotein.
-
Retinsäure: Hormonähnlich, reguliert Genexpression.
-
Vorkommen
Vitamin A ist enthalten in:
-
Tierischen Lebensmitteln: Leber, Fischleberöl, Eigelb, Milchprodukte.
-
Pflanzlichen Lebensmitteln (Provitamin A): Karotten, Süßkartoffeln, Spinat, Grünkohl, Aprikosen (reich an β-Carotin).
Physiologische Funktionen
-
Sehvorgang:
-
Retinal ist Bestandteil von Rhodopsin in den Stäbchen der Retina.
-
Ermöglicht Hell-Dunkel-Adaption.
-
-
Zellwachstum und Differenzierung:
-
Retinsäure reguliert Genexpression über nukleäre Rezeptoren (RAR, RXR).
-
Essenziell für Haut, Schleimhäute und Epithelgewebe.
-
-
Reproduktion und Embryonalentwicklung:
-
Wichtig für Spermatogenese, Plazentafunktion und Organentwicklung.
-
-
Immunsystem:
-
Erhaltung der Integrität von Schleimhäuten.
-
Modulation der Immunantwort.
-
-
Antioxidative Funktion (indirekt): Carotinoide fangen freie Radikale ab.
Bedarf
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt:
-
Männer: 850 µg Retinoläquivalente (RAE)/Tag
-
Frauen: 700 µg RAE/Tag
-
Schwangere und Stillende: erhöhter Bedarf
Mangelerscheinungen
Ein Vitamin-A-Mangel tritt v. a. in Entwicklungsländern auf und führt zu:
-
Nachtblindheit (erster Hinweis auf gestörte Rhodopsinsynthese)
-
Xerophthalmie (Austrocknung der Bindehaut)
-
Keratomalazie (Hornhauterweichung, Blindheit)
-
Wachstums- und Entwicklungsstörungen
-
Erhöhte Infektanfälligkeit
Überdosierung
Da Vitamin A fettlöslich ist, kann es gespeichert werden – chronische Überdosierung führt zu Hypervitaminose A:
-
Symptome: Kopfschmerzen, Übelkeit, Lebervergrößerung, Haarausfall, Hautveränderungen.
-
Chronisch: Osteoporose, Lebertoxizität, teratogene Wirkungen in der Schwangerschaft.
Provitamin-A-Carotinoide sind hingegen nicht toxisch, können jedoch in sehr hohen Mengen eine Carotinämie (harmlos: Gelbfärbung der Haut) verursachen.
Klinische Relevanz
-
Mangelversorgung: Hauptursache vermeidbarer Blindheit bei Kindern weltweit.
-
Supplementierung: In Risikogruppen (z. B. Schwangere in Entwicklungsländern) lebensrettend.
-
Pharmakologie: Retinoide (z. B. Isotretinoin) werden therapeutisch in der Dermatologie (Akne, Psoriasis) und Onkologie eingesetzt.