Vitamin E – Struktur, Funktionen und klinische Bedeutung
Einleitung
Vitamin E ist die Sammelbezeichnung für eine Gruppe fettlöslicher Verbindungen mit antioxidativer Wirkung. Dazu gehören Tocopherole und Tocotrienole, von denen das α-Tocopherol die biologisch aktivste und für den Menschen bedeutendste Form darstellt. Vitamin E schützt Zellmembranen und Lipoproteine vor oxidativem Stress und spielt eine wichtige Rolle in Immunabwehr, Reproduktion und Genexpression.
Chemische Eigenschaften
-
Struktur: Chromanring mit Isoprenoid-Seitenkette
-
Unterteilung:
-
Tocopherole (gesättigte Seitenkette, α-, β-, γ-, δ-Formen)
-
Tocotrienole (ungesättigte Seitenkette, ebenfalls α-, β-, γ-, δ-Formen)
-
-
Fettlöslich, speicherbar in Leber und Fettgewebe
Vorkommen
Reich an Vitamin E sind:
-
Pflanzliche Öle (Weizenkeim-, Sonnenblumen-, Raps- und Olivenöl)
-
Nüsse und Samen
-
Vollkornprodukte
-
Grünes Blattgemüse
Physiologische Funktionen
-
Antioxidative Schutzfunktion:
-
Neutralisation von freien Radikalen (besonders Lipidperoxidradikale).
-
Schutz von mehrfach ungesättigten Fettsäuren in Zellmembranen.
-
Synergie mit Vitamin C, das oxidiertes Tocopherol regeneriert.
-
-
Immunfunktion:
-
Unterstützung der T-Zell-vermittelten Immunität.
-
-
Genexpression und Enzymaktivität:
-
Einfluss auf die Expression antioxidativer Gene.
-
Beteiligung an Signaltransduktionsprozessen.
-
-
Reproduktion:
-
Essenziell für die Fertilität (historisch als „Antisterilitätsvitamin“ entdeckt).
-
Bedarf
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt die Zufuhr in Abhängigkeit von der Zufuhr mehrfach ungesättigter Fettsäuren (PUFAs), da Vitamin E deren Oxidation verhindert:
-
Männer: 12–15 mg α-Tocopherol/Tag
-
Frauen: 11–12 mg α-Tocopherol/Tag
Mangelerscheinungen
Ein Vitamin-E-Mangel ist selten und tritt v. a. bei Malabsorption (z. B. Fettresorptionsstörungen, Mukoviszidose) oder genetischen Defekten (z. B. α-Tocopherol-Transferprotein-Mangel) auf. Symptome:
-
Neurologische Störungen (Ataxie, periphere Neuropathien)
-
Muskelschwäche (Myopathien)
-
Hämolytische Anämie (durch geschädigte Erythrozytenmembranen)
Überdosierung
Sehr hohe Dosen (über 400 mg/Tag über lange Zeit) können Nebenwirkungen verursachen:
-
Erhöhtes Blutungsrisiko (Hemmung der Vitamin-K-abhängigen Blutgerinnung)
-
Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Muskelschwäche
-
Diskussion über erhöhtes Sterblichkeitsrisiko bei exzessiver Supplementierung
Klinische Relevanz
-
Prävention: Ausgewogene Ernährung mit pflanzlichen Ölen und Nüssen deckt den Bedarf in der Regel vollständig.
-
Therapie: Vitamin-E-Supplementierung kann in Einzelfällen bei angeborenen Stoffwechselstörungen oder schweren Malabsorptionssyndromen notwendig sein.
-
Forschung: Vitamin E wird intensiv im Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen, Krebsprävention und neurodegenerativen Erkrankungen (z. B. Alzheimer) untersucht, jedoch ist die Evidenz uneinheitlich.